Medical & Health Humanities
Was bedeutet es – historisch und gegenwärtig – gesund zu sein? Wie formen medizinische, kulturelle und mediale Wissensordnungen unsere Vorstellungen von Körpern, Krankheit und Normalität? Und welche politischen, ökologischen und ethischen Fragen entstehen im Zeichen von Anthropozän, planetaren Krisen und neuen Technologien?
Die Forschung im Bereich Medical & Health Humanities verbindet germanistische und komparatistische Literatur- und Theaterwissenschaft mit kultur- und sozialwissenschaftlicher Anthropozänforschung, Affekt- und Körpergeschichte sowie den Medical Humanities. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Umbruchszeiten um 1800 und 1900 ebenso wie gegenwärtigen Transformationen von Sorge, Vulnerabilität und Umwelt unter planetaren Bedingungen. Literatur, Theater und performative Praxis werden dabei als epistemische Räume verstanden, in denen gesellschaftliche Selbstverständnisse sichtbar, verhandelt und verändert werden.
Schwerpunkte der Arbeit sind:
- Literatur, Theater und Medizin aus historischer und systematischer Perspektive
- Körper-, Affekt- und Gesundheitsgeschichte
- kulturelle Dimensionen von Care, Vulnerabilität und psychosomatischem Wissen
- Anthropozän- und Umweltforschung aus kulturwissenschaftlicher Perspektive
- interdisziplinäre, praxisbasierte und künstlerische Ansätze der Medical & Health Humanities.
Methodisch arbeitet die Professur an der Schnittstelle von Wissensgeschichte, Wissenspoetik und Kulturtheorie unter Einbezug von Gender/Queer Studies, Environmental Humanities und künstlerischer Forschung.
Zentrale Projekte:
Wissenspoetik: Literatur, Theater & Medizin
Das medizinische Wissen des Theaters. Faszinationsgeschichte und Poetologie der Psychosomatik (1750-1970)
2019–2024, Schweizerischer Nationalfonds (SNF-PRIMA), Deutsches Seminar, Universität Zürich
Im Zentrum des Habilitationsprojekts Das medizinische Wissen des Theaters: Faszinationsgeschichte und Poetologie der Psychosomatik (ca. 1750–1970) stand die historische Beziehung zwischen Theater, Dramaturgie und psychosomatischem Denken. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass sich sowohl die Psychosomatik als medizinische Disziplin als auch Theater- und Tragödientheorien auf vergleichbare Konzepte von Affekt, Verkörperung und Szenizität beziehen. Während die Psychosomatik bis heute mit Begriffen wie „Inszenierung“, „Körperrepräsentanz“ oder „szenischem Verstehen“ operiert, versteht die Theatertradition Affekte seit der Antike als psycho-physische Zustände, die sich zwischen Körper, Emotion und sozialer Situation entfalten.
Das Projekt untersuchte diese Überschneidungen als Wissensgeschichte des Psychosomatischen und Theatralen vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Im Fokus standen drei historische Konstellationen: Melancholie um 1800 (KörperRäume), Hysterie um 1900 (KörperZeichen) sowie Erschöpfung und Netzwerkkulturen um 2000 (KörperNetze). Damit verband das Projekt literatur- und theaterwissenschaftliche Fragestellungen mit Ansätzen aus Medizingeschichte, Psychiatriegeschichte und den Medical Humanities.
Wichtige Publikationen aus dem Projektkontext:
Sprechende Körper, pathogene Umwelten: Psychosomatik & Theater.
Witt, Sophie. Sprechende Körper, pathogene Umwelten: Psychosomatik & Theater. Zürich; Berlin: Diaphanes 2025.
Embodiment and Critical Medical Humanities Multiple Practices and Shifting Concepts
Witt, Sophie; Kaiser, Celine; Schües, Christina; Borck, Cornelius. Embodiment and Critical Medical Humanities Multiple Practices and Shifting Concepts. Basel: Schwabe 2024
Theatres of Psychosomatics
Witt, Sophie. Theatres of Psychosomatics. In Envisioning Embodiment in the Health Humanities. London: Palgrave Macmillan 2023.
Neuauflagen alter Affinitäten, oder Psychotherapie an der Charité (ab 1957): Neurosen, Künste, Ausdruckskörper.
Witt, Sophie. Neuauflagen alter Affinitäten, oder Psychotherapie an der Charité (ab 1957): Neurosen, Künste, Ausdruckskörper. In Body Politics. 2022.
Pathognomische Körper und Übertragungsszenerien: Goethes Singspiel Lila
Witt, Sophie. Pathognomische Körper und Übertragungsszenerien: Goethes Singspiel Lila. In Goethe medial. Aspekte einer vieldeutigen Beziehung. Berlin: De Gruyter 2021.
Soma und Sema, oder Psychosomatik literaturwissenschaftlich? (mit einem längeren Blick auf Thomas Manns Der Zauberberg)
Witt, Sophie. Soma und Sema, oder Psychosomatik literaturwissenschaftlich? (mit einem längeren Blick auf Thomas Manns Der Zauberberg). In Germanistik in der Schweiz 2021.
Nach Feierabend : Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte
Witt, Sophie; Böhmer, Maria; Bärnreuther, Sandra (ed.). Nach Feierabend : Zürcher Jahrbuch für Wissensgeschichte. Zürich: Diaphanes 2020.
Witt, Sophie. 'Ist's erlaubt, daß ihr so einen Lärmen macht?' Therapie/Spiel und Fest/Schrift mit Goethes Lila. Ein Festspiel. In Fest/Schrift. Bielefeld: Aisthesis 2019.
Moderne-Formalisierung. Theatrale Anthropologien bei Schiller, Kleist, Döblin
Witt, Sophie. Moderne-Formalisierung. Theatrale Anthropologien bei Schiller, Kleist, Döblin. In Kleist-Jahrbuch 2019. Stuttgart: J.B. Metzler 2019.
Health & Art-Based Research
Graduiertenkolleg Being(s): Artistic Research in Transformative Contexts of Health
2025–2028, Landesforschungsförderung, Hochschule für Bildende Künste in Kooperation mit dem Institut für Liberal Arts & Sciences
Im Rahmen des ersten PhD-in-Art-Practice-Programms an einer deutschen Kunsthochschule untersucht das Graduiertenkolleg Gesundheit, Körper und Leben im Kontext gesellschaftlicher, technologischer und ökologischer Transformationen. Kunst-basierte Forschung wird mit Ansätzen der Medical Humanities sowie kultur- und medienwissenschaftlicher Gesundheitsforschung verbunden und künstlerische Praxis als eigenständige Wissensform entwickelt.
Biopolitics Today
Foucaults Konzept der Biopolitik gehört seit den 2000er Jahren zu den zentralen Kategorien kritischer Gegenwartsanalyse. Es hat wesentlich dazu beigetragen, neoliberale Formen der Subjektivierung ebenso wie die politischen Ordnungen des Lebens, der Gesundheit und der Bevölkerung zu untersuchen. Doch welchen Nutzen und Nachteil hat dieses Konzept für eine gewandelte Gegenwart, die zunehmend unter dem Zeichen autoritärer Verschiebungen und einer möglichen „Faschisierung“ diskutiert wird?
Biopolitics Today fragt nach der gegenwärtigen Tragfähigkeit und notwendigen Revision biopolitischer Kritik. Im Fokus stehen dabei sowohl neue autoritäre und faschistische Formierungen als auch gegenwärtige Technologien des Selbst, insbesondere Prozesse der Therapeutisierung und Psychologisierung.
Faschisierung von Körpern und Technologien?
Das Projekt verbindet die Frage nach der Biopolitik der Gegenwart mit der Frage, ob und in welcher Hinsicht wir gegenwärtig einen Prozess der „Faschisierung“ erfahren. Es gilt also einerseits die genaueren Punkte des Übergangs zu erfassen, in denen sich eine (neo-)liberale Biopolitik in eine andere Form der Biopolitik umschreibt und andererseits die Frage zu beantworten, ob und inwiefern es sich bei dieser anderen Form von Biopolitik um einen ‚neuen Faschismus‘ handelt. Dies erfolgt auf zwei Ebenen: Auf der Ebene der Technologie werden aktuelle Tech-Utopien und Technologieentwicklungen befragt: Welche Art von Biopolitik zeigt sich in den hier zum Ausdruck kommenden Phantasien einer ewigen Zukunft, in der die Menschheit den Weltraum erobert, menschliches Leben von seiner biologischen Hülle befreit wird und Krankheiten, Kriege, Armut, ja sogar der Klimawandel einer effektiven, da technologie-gestützten, ‚superintelligenten‘ und ‚transhumanen‘ Bearbeitung beigeführt werden könnten? Zweitens wird der Faden gegenwärtiger Arbeiten aufgenommen, die aufzeigen, dass sich „Faschisierung“ auch auf einer körperlichen Ebene ereignet. Demnach schließen die zahlreichen Kontinuitäten unserer Gegenwart zum historischen Faschismus einen „sexy Rassismus“ (Herzog 2025) ein, in dem sich eine das individuelle Selbst ästhetisierende Kultur mit einer das kollektive Selbst der Nation ästhetisierenden Kultur verbindet, dessen andere Seite ein in Zeiten des Anthropozäns gesteigertes Sterben-Lassen ist. Das Konzept der Biopolitik verspricht, eine historisierende Tiefenanalyse dieses Transformationsprozesses zu liefern.
Virtualität und Heilung: Eine Kulturmediengeschichte kybernetischer Rehabilitation (1950–2000)
Alexander Kamber
2026-2028, SNF Postdoc.Mobility
Weitere Informationen folgen.
Arts & Machines
Digitale und biotechnologische Entwicklungen verändern nicht nur gesellschaftliche Praktiken, sondern auch Vorstellungen von Körper, Natur, Wissen und Handlungsmacht. Der Forschungsbereich Arts & Machines untersucht diese Transformationen aus geisteswissenschaftlicher und künstlerischer Perspektive. Im Zentrum steht die Frage, wie sich die Beziehungen zwischen Menschen, Maschinen und anderen Formen des Lebendigen neu konfigurieren – und welche politischen, epistemischen und ästhetischen Ordnungen dabei entstehen.
Besonderes Interesse gilt künstlerischen Praktiken als Formen kritischer Wissensproduktion: Sie machen technologische Systeme, ihre Voraussetzungen und Ausschlüsse sichtbar, erproben alternative Mensch-Technik-Verhältnisse und eröffnen neue Modi der Kritik und Gestaltung.
Studentische Forschungsgruppe: Critical Agile Methodology (Hub for Crossdisciplinary Learning)
Linus Rothstein und Mats Wilms
Die studentische Forschungsgruppe Critical Agile Methodology untersucht und erprobt, wie agile Methoden der Softwareentwicklung für geisteswissenschaftliche Forschung und interdisziplinäre Zusammenarbeit produktiv gemacht – und zugleich kritisch reflektiert – werden können. Im Zentrum stehen Fragen nach Kritik und Verantwortung, Co-Creation und kollaborativer Wissensproduktion im Umgang mit gegenwärtigen Technologien. Digitale Werkzeuge und technologische Verfahren werden dabei nicht nur angewendet, sondern selbst zum Gegenstand der Untersuchung.
In Zusammenarbeit mit der Forschungsgruppe fand im Sommersemester 2026 am Institut für Liberal Arts & Sciences das Seminar Arts & Machines unter der Leitung von Sophie Witt statt. Das Seminar erprobte den Ansatz in der Lehre und verband theoretische Perspektiven aus den Humanities und Critical AI Studies mit ko-kreativen und iterativen Arbeitsformen.
Queer and Decolonial World Literatures
Neobarocke Bewegungen (Habilitationsprojekt)
Das Forschungsprojekt „Neobarocke Bewegungen“ zielt darauf ab, die transkulturellen Zirkulationen des Neobarock in und zwischen Deutschland und Lateinamerika seit 1970 zu erfassen. Die Studie geht davon aus, dass der Reiz dieser neobarocken Iterationen darin besteht, dass die barocke Tradition vormals vom aufklärerischen, bürgerlichen, heteronormativen, ja modernen Paradigma in die Randständigkeit verdrängt wurde. Barock(es) wird in Anspruch genommen, um avant la lettre queere bzw. kuire, post- und dekoloniale Fragestellungen zu bearbeiten. Da sich die für das Projekt zentralen Autoren Hubert Fichte, Néstor Perlongher und Pedro Lemebel intensiv mit der Aids-Pandemie auseinandergesetzt haben, untersucht die Studie diesen körperpoetischen Diskurs aus der Perspektive der Medical and Health Humanities.
Environmental Humanities
DFG-Netzwerk „Planetary Health: Planetary Thinking in the Social Sciences and Humanities“
Sophie Witt, Mitglied des wissenschaftlichen Netzwerks
Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte wissenschaftliche Netzwerk untersucht Planetary Health aus sozial- und geisteswissenschaftlicher Perspektive. Im Zentrum stehen die Ideengeschichte planetarer Gesundheit, eine kritische Reflexion ihrer Wissenspraktiken sowie die Entwicklung interdisziplinärer Ansätze für ein „planetarisches Denken“ in den Sozial- und Geisteswissenschaften.
Laufzeit: seit 2024
Antragstellerin: Prof. Dr. Nina Mackert (Universität Hamburg)
DFG-Projektnummer: 546946850
Flüsse
Der Rückgang des planetaren Süßwassers um 40 % in den nächsten zehn Jahren betrifft die Mehrheit der Weltbevölkerung. Die Beschäftigung mit Flüssen kann als eine notwendige Reaktion – wenn auch nicht als vollständige Antwort – auf diese essenzielle Herausforderung der Gegenwart verstanden werden. Als „natürliche“ Grenzen, als Limes, wurden Flüsse oft mythologisch wie metaphorisch überhöht und (kolonial-)politisch missbraucht. Wir verstehen Flüsse literal und figurativ als Entitäten grenzüberschreitender Aushandlungsprozesse – etwa für die menschliche, mehr-als-menschliche und planetare Gesundheit –, berücksichtigen aber auch ihre poetischen Dimensionen, die diese Bedeutungen wiederum reflektieren und modellieren. Fluviale Systeme fordern fluide Poetiken, die disziplinäre Grenzen überfluten. In diesem Überquellen liegt zugleich das subversive Potenzial einer interdisziplinären Erforschung von Flüssen. Fluidität und die auf den quilombola-Meister Antônio Bispo dos Santos zurückgehende Konfluenz sind Denkfiguren, die über dominante Epistemologien und Ästhetiken hinausführen. Sie fordern nicht zuletzt die Dichotomie von Natur und Kultur heraus, um neue beziehungsweise alternative Bedeutungen im Angesicht der ökologischen Krise in den Vordergrund zu rücken.
Publikationen & öffentliche Veranstaltungen: