ILAS
Liberal Arts & Sciences
Foto: UHH/Denstorf
1. Juni 2026

Foto: Illustration: Florentine Sießegger; Grafik: Maya Freiesleben
Wie wird über weiblich gelesene Körper gesprochen – medizinisch, gesellschaftlich, politisch? Welche Geschichten werden erzählt, welche verschwiegen? Wer bestimmt, was als Wissen über Körper, Gesundheit, Reproduktion und Sexualität gilt?
Die Ausstellung Untenrum verhandelt versammelt studentische Arbeiten aus einem bilingualen Seminar der Institute für Anglistik und Amerikanistik sowie Liberal Arts & Sciences der Universität Hamburg und tritt in Dialog mit historischen Objekten aus der Sammlung des Medizinhistorischen Museums Hamburg. Zwischen Audioinstallation, Collage, Videoarbeit, Postkarte und Sammlungsobjekt eröffnet die Ausstellung Perspektiven auf gynäkologische Wissensordnungen – und auf die Erfahrungen, Affekte, Widerstände und Leerstellen, die sie begleiten.
Die Arbeiten beschäftigen sich unter anderem mit Brust und Mastektomie, Menstruation, Endometriose, Geburt und Hebammenwissen, Klitoris und weiblicher Lust, Periodenapps sowie Formen der Tabuisierung und Aneignung des Körpers. Historische Instrumente und medizinische Objekte werden dabei in Beziehung zu gegenwärtigen popkulturellen, literarischen und aktivistischen Auseinandersetzungen gesetzt.
Ausgehend von Ansätzen der Medical & Health Humanities fragt die Ausstellung danach, wie weiblich gelesene Körper „untenrum“ verhandelt werden: zwischen Fürsorge und Kontrolle, Sichtbarkeit und Scham, medizinischer Autorität und Selbstbestimmung. Sie versteht Gynäkologie nicht nur als medizinisches Feld, sondern auch als kulturellen, politischen und historischen Aushandlungsraum.
Die Ausstellung lädt Besucher:innen dazu ein, eigene Erfahrungen, Erinnerungen und Fragen einzubringen – und gynäkologische Wissensgeschichten anders zu betrachten und neu zu erzählen.
Eine Kooperation der Institute für Anglistik und Amerikanistik und Liberal Arts & Sciences der Universität Hamburg mit dem Medizinhistorischen Museum und der Klinik und Poliklinik für Gynäkologie des UKE.
Paula Bannasch, Alena Borg, Sophia Dienel, Sandra Dinter, Henrik Eßler, Zoé-Joana Fettke, Temenuga Fiebig, Maya Freiesleben, Edda Hach, Mareike Mühring, Jonna Pelz, Anja Sattelmacher, Sophie Witt
Kontakt:
sandra.dinter"AT"uni-hamburg.de
sophie.witt"AT"uni-hamburg.de
Die Ausstellung kann zwischen dem 20.6. und 8.7.2026 zu den regulären Öffnungszeiten des Medizinhistorischen Museums besucht werden: Mittwochs, samstags und sonntags von 13-18 Uhr.
Martinistraße 52, Fritz-Schumacher-Haus (Haus N30.b), 20246 Hamburg
17.06.2026, 20:00-22:00 Uhr: Eröffnung der Ausstellung mit einer Lesung von Julia Haennis Theatertext „Frau heilt (Party)“; es liest Johanna Dähler (Leipzig)
28.06.2026, 15:00-18:00 Uhr: Künstlerischer Workshop "Unerhörte Körper": Schreiben, Collagieren und Basteln mit Temenuga Fiebig und Maya Freiesleben
01.07.2026, 18:00 Uhr: Vortrag „Körper, Macht, Gesellschaft: Umkämpfte Wissensordnungen der Gynäkologie“ von Prof. Dr. Sophie Witt und Prof. Dr. Sandra Dinter (UHH) mit anschließendem Rundgang in der Ausstellung
08.07.2026, 18:00 Uhr: Finissage zum Thema Endometriose: Präsentation der Installations- und Videoperformance-Arbeit „String Tension History“ von Kirstin Burckhardt und Mario Asef, sowie Vortrag von Dr. med. Johann Kornowski
Die Veranstaltung findet auf Deutsch und Englisch statt.
Hier finden Sie das Poster zur Ausstellung und hier das Programm.
frau heilt (party). Sprechtheater, Schauspiel (2024)
Eine Frau hat Schmerzen und geht zum Arzt, zum ersten, zum zweiten, zum vielten. Keiner der weißen Männer in Weiß hat eine Lösung für ihre Unterleibsschmerzen. Geschweige denn Zeit, diese ernst zu nehmen. Julia Haenni spannt sich in ihrem neusten Stück „frau heilt (party)“ die jahrhundertealte Geschichte des männlichen Blicks auf den weiblichen Körper vor den Karren und mit ihr die Geschichte der westlichen Medizin, die bis vor Kurzem kein Interesse – und schon gar keine Forschungsgelder – für Krankheiten nicht männlich gelesener Körper hatte. Witzig und klug stellt der Text wissenschaftliche Mythen in ihrem hartnäckigen Andauern aus und legt sie in ihrer Absurdität offen. Und dennoch: Das vielstimmige Reden schnellzüngiger Frauen hilft nicht gegen ihren Schmerz, der zugleich in ihren Körpern und im System festsitzt.
Hier kommt die feministische Frage nach alternativen Existenzweisen auf den Tisch: Was brauchen nicht männlich sozialisierte Menschen, um im Zentrum ihrer Kraft und frei von gesellschaftlichen Zu- und Eingriffen leben zu können? "frau heilt" verspricht weder Patentrezept noch die alle erlösende Party. Aber nach zweitausend Jahren Patriarchat endlich! einen Streifen Licht am Horizont.
Julia Haenni (*1988 in der Schweiz) ist Regisseurin und Theaterautorin und arbeitet in diversen Konstellationen und Kollaborationen. Ihre Stücke wurden an diversen Theatern und Festivals in ganz Europa gezeigt, mehrfach übersetzt und ausgezeichnet. Zuletzt erschien ihr Buch „frau verschwindet. Eine Trilogie“ (Verlag der Autor:innen) mit drei ihrer feministischen Theaterstücke. Nebenher ist sie Dozentin im Regiestudiengang der Zürcher Hochschule der Künste.
Johanna Dähler studierte Theater- und Tanzwissenschaft an der Universität Leipzig und der FU Berlin (2007-2010) sowie Schauspiel an der Hochschule der Künste in Bern. Nach ihrem Master in Expanded Theater spielte sie in unterschiedlichen Gast- und Festengagements im deutschsprachigen Raum (Bern, Fürth, Heidelberg). Seit 2022 ist sie überwiegend in Projekten der Freien Szene Schweiz zu sehen u.a. Theater Marie, Theater Dornach und Kleintheater Luzern. Sie arbeitet mit der Schauspielerin Daniela Ruocco unter dem Label „fisting*sisters“ performativ-musikalisch-multilingual und las mit der Autorin Julia Haenni und der Kollegin Chantal Dubs aus „Frau verschwindet. Eine Trilogie“ anlässlich der Buchveröffentlichung im Herbst 2025 im Theater Winkelwiese in Zürich.
„String Tension History“ - body as a site of damage, care, and change
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„String Tension History“ - Körper als Ort von Verletzung, Fürsorge und Veränderung
„String Tension History“ is an installation and video performance centered on the relationship between the artist, Kirstin Burckhardt, and her historic harp. For the exhibition Untenrum verhandelt, she speaks publicly about the work for the first time, offering a personal account of the piece that will premiere at the Dystopia Sound Art Biennial 2026 in Berlin. „String Tension History“ situates the body as a site of damage, care, and change. It traces the taut relations between inherited histories, medical ethics, and institutionalized practices, connecting them to a personal experience of gynecological illness and surgical intervention. What remains is not resolution, but vibration—an echo of strain, repair, and the fragile persistence of sound within bodies that continue.
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„String Tension History“ ist eine Installation und Video-Performance, die die Beziehung zwischen der Künstlerin, Kirstin Burckhardt, und ihrer historischen Harfe ins Zentrum stellt. Für die Ausstellung Untenrum verhandelt spricht sie erstmals öffentlich über den Entstehungsprozess und gibt einen persönlichen Einblick in diese Arbeit, die 2026 auf der Dystopia Sound Art Biennale in Berlin uraufgeführt wird. „String Tension History“ begreift den Körper als einen Ort von Verletzung, Fürsorge und Veränderung. Die Arbeit zeichnet die angespannten Verhältnisse zwischen überlieferten Geschichten, medizinischer Ethik und institutionalisierten Praktiken nach und verbindet sie mit einer persönlichen Erfahrung von gynäkologischer Krankheit und chirurgischem Eingriff. Was bleibt, ist keine Auflösung, sondern Vibration – ein Nachhall von Belastung, Reparatur und der fragilen Beharrlichkeit von Klang in Körpern, die fortbestehen.
Kirstin Burckhardt (b. in South Africa) is a visual artist and psychotherapist combining video and performance with sound and spoken word. Critically drawing upon her training in psychology and neuroscience, her practice addresses power dynamics intertwined with the body. Continuously questioning what defines a “body”, her artistic research focuses on interpersonal space as a locus for negotiating sensitivity, conflict, empathy, transgenerational trauma, and the complexities of healing.
Mario Asef is an architect and conceptual artist based in Berlin. He is chairman of Errant Sound e.V. a project space for sound art in Berlin. His projects address both ecological and socio-political issues and confront questions related to their spatial and linguistic representability. His works are divided into three methodological categories: the field of language as a structurer of physical space, the field of history and writing about history as a construction of mediated reality from a post-colonial point of view, and the scientific field of transdisciplinary inquiry, experimentation, and exchange. His installations, diagrams, videos, texts, and interventions in public space all deal with the legibility of normative orders that extend beyond purely grammatical codes and which simultaneously integrate utopian and ideology-critical gestures.
Wie können Körper, die gesellschaftlich marginalisiert, pathologisiert oder unsichtbar gemacht werden, eine eigene Sprache finden? Und wie könnte diese Sprache der unerhörten Körper aussehen? „Unerhört“ kann vieles bedeuten: nicht gehört werden, zum Schweigen gebracht werden – oder sich das Recht herausnehmen, zu sprechen, zu stören und Widerstand zu leisten. In unserem Workshop erkunden wir gemeinsam die Räume zwischen Unsichtbarkeit und Widerständigkeit. Durch vernetztes Schreiben, Collagieren, Basteln und Verknüpfen suchen wir nach einer vielstimmigen, eigensinnigen Körpersprache. Wir lassen Körperteile sprechen, schicken sie in den Dialog mit Institutionen und erproben Mehrstimmigkeit als Form des Widerstands.