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Fachbereich Philosophie



Inhalt:
55-101.55

Eigennamen und Definitheit: Zur Theorie der singulären Bezugnahme (T)

Michael Oliva Córdoba
  2st., Mo 12:15-13:45, Phil 1072
  Beginn: 19. Oktober 2009
  BA: 7, 9; LG: 38; MA: 11
 

Definitheit ist eine Eigenschaft, die man oft am Kontrast zwischen dem bestimmten und dem unbestimmten Artikel illustriert: (1) "Ein Student hat bei der Klausur gemogelt". (2) "Der Student hat bei der Klausur gemogelt." Im einen, nicht aber im anderen Fall kann man fortsetzen "… und zwar Hans." Worin besteht der Unterschied genauer? Antworten verschiedenen Typs werden erwogen: Es ist … ein syntaktischer Unterschied (zwischen Ausdrücken verschiedener grammatischer Kategorien); … ein semantischer Unterschied (zwischen Ausdrücken, die auf einen bestimmten Gegenstand referieren und solchen, die dies nicht tun); … ein pragmatischer Unterschied (zwischen Ausdrücken, die man in einem passenden Kontext dazu verwendet, auf einen bestimmten Gegenstand Bezug zu nehmen, und solchen, mit denen man nur einen Gegenstandbereich illustriert). Zu allem Überfluss können auch beliebige Kombinationen dieser Antworttypen vertreten werden.

Angesichts artikelloser Sprachen (und auch solcher, die nur einen der beiden Artikel aufweisen) zieht man es in Logik und Sprachphilosophie vor, den syntaktischen Unterschied tiefer zu verorten: Als einen distributionellen Unterschied in der logischen Struktur. Er kann z.B. formal so repräsentiert werden:
(1’)   (x)   (x ist ein Student & x hat bei der Klausur gemogelt)
(2’)   (x) (x ist ein Student & x hat bei der Klausur gemogelt)
Mit diesen Erläuterungen sind jedoch mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Dies gilt umso mehr in Bezug darauf, wie sich die Unterscheidungen und die eingehenden Eigenschaften und Kategorien in Bezug auf Eigennamen verhalten: Denn Eigennamen werden gemeinhin ebenfalls als definit betrachtet. Es wird also angenommen, dass ein Satz wie (3) "Hans hat bei der Klausur gemogelt" mehr mit (2) als mit (1) gemein hat.

Für den Mathematiker und Philosophen Gottlob Frege (1848-1925) ist dies kein Wunder: Er sieht die Aufgabe des bestimmten Artikels in der Sprache gerade darin, "aus Begriffswörtern Eigennamen zu bilden" (GGA I, S. 19) Für Freges Zeitgenossen Bertrand Russell und den eine Generation jüngeren amerikanische Philosophen W.V.O Quine besteht ein ähnlicher Zusammenhang, jedoch gerade anders herum: "A proposition about Apollo means that we get by substituting what the classical dictionary tells us is meant by Apollo, say 'the sun-god'" so Russell 1903 (Russell, 1903, 54). Und Quine, in dessen Fußstapfen: "Names can be converted to descriptions […] Whatever we say with the help of names can be said in a language which shuns names altogether." (Quine, 1953, 13)

In diesem Seminar werden wir mit der Theorie der Eigennamen in einer Weise beschäftigen, die allen drei angesprochenen Arten zu unterscheiden Rechnung trägt. Neben distributionellen Eigenschaften und einer Unterscheidung von Referenz (als einer Relation zwischen dem subpropositionalen Gehalt eines Ausdruck und dem von ihm bestimmten Gegenstand) und Bezugnahme (als einer Relation zwischen einem Ausdrucksverwender und dem Gegenstand, auf den er unter Verwendung des Ausdrucks Bezug nimmt), wollen wir uns auch mit der so genannten "prädikativen" Verwendungsweise von Namen ergeben: (4) "Aristoteles ist ein Aristoteles". Gibt uns eine korrekten Analyse solcher Konstruktionen den Schlüssel zu einer Konzeption von Eigennamen an die Hand, die auch mit den notorisch sperrigen Phänomenen leerer ("Vulcanus"), überfüllter ("Hans") und fiktionaler ("Sherlock Holmes") Eigennamen umgehen kann? Auf diese Weise gelangt man neue Weise zurück an die systematischen Orte, an denen die Frage der Definitheit von Eigennamen im 20. Jh. verhandelt worden ist: Russells Theorie der Kennzeichnungen und Kripkes Theorie der starren Bezeichner.

 


Literatur:

  • Bach, Kent: Thought and Reference, Oxford 1980, Clarendon Press.
  • Burge, Tyler: „Reference and Proper names“, Journal of Philosophy 70 (1973), 425-439.
  • Donnellan, Keith: „Proper names and identifying descriptions“, Synthese 21 (1970), 335-358.
  • Linsky, Leonard: Names and Descriptions, Chicago 1977, Chicago University Press.
  • Kripke, Saul: Naming and Necessity, Cambridge, Mass., 1980, Harvard University Press.
  • Kripke, Saul: „Speaker’s Reference and Semantic Reference“, in Peter French, Theodore Uehling and Howard Wettstein (Hgg.), Contemporary Perspectives in the Philosophy of Language, Minneapolis 1977, University of Minnesota Press, 6-27.
  • Heim, Irene: „Artikel und Definitheit“, in Arnim von Stechow & Dieter Wunderlich (Hgg.), Semantik, Berlin, New York 1991, de Gruyter
  • Hauenschild, Christa: „Definitheit“, in Joachim Jacobs, Arnim von Stechow, Wolfgang Sternefeld und Theo Vennemann (Hgg.), Syntax. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung, Berlin, New York 1993: de Gruyter
  • Sainsbury, R. M.: Reference without Referents, Oxford 2005, Clarendon Press.
  • Sturm, Afra: Eigennamen und Definitheit, Tübingen 2005, Max Niemeyer Verlag.
  • Zimmermann, Thomas: „Eigennamen“, in Arnim von Stechow & Dieter Wunderlich (Hgg.), Semantik, Berlin, New York 1991, de Gruyter, 349-370
 


Zulassungsprechstunde:

BA/MA-Studenten, die diese Veranstaltung als Kernveranstaltung eines Moduls belegen wollen, müssen sich vor Semesterbeginn in der Zulassungssprechstunde persönlich anmelden.


Donnerstag, 3. September 2009 12-14 Uhr, Phil 1056
Dienstag,    15. September 2009 12-14 Uhr, Phil 1056


Zur Zulassungssprechstunde bitte vorbereiten:
  • Bach, Kent, Thought and Reference, Oxford 1980, Clarendon Press, S. 91 – 174 (d. h. Kapitel 5 – 8)
 
 

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